Fantasy Anthologien

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Yerkhans Weg

Werke > Schatten über Andovar > Kurze Einblicke

Helmut Leibeling


In der zweiten Nacht war ihnen das Jagdglück nicht hold. Auf welch uner-fassliche Weise das magische Pendel sich Khalandir auch mitteilen mochte, es schwieg beharrlich. Khalandir ließ sie Straße um Straße entlangmarschie-ren, versuchte es an den verschiedensten Orten, doch kein magischer Traum schien sich in der Nähe zu ereignen.  
»Ob wir wohl zu gründlich waren?«, fragte Goshar nach drei Stunden Um-herschleichens zaghaft. »Vielleicht war es das ja schon; wir haben bereits in der ersten Nacht mit ihnen aufgeräumt.«
»Wenn ich mir einer Sache absolut sicher bin, dann der dass diese Stadt mit Zauberwirkern regelrecht verseucht ist«, entgegnete der Initiant bestimmt.
»Sicher haben sie von unserem Treiben gestern Wind bekommen«, meinte Neglam, wie immer die Ruhe in Person. »Kamen wohl auf den Gedanken dass Nicht-Dabeisein alles wäre.«
»Oder sie sitzen grad alle beisammen und hecken was aus«, lachte Goshar mit leicht nervösem Unterton. »Einen Durant für den der errät, wen sie dabei wohl im Auge haben.«  
»Oda schlaf’n nich’ mehr, wa?« Dies war das Gescheiteste, das Elys seit Langem von sich gegeben hatte.
Yerkhan hörte ihnen nicht zu. Es kam ihm geradezu schrecklich belanglos und banal vor, was sie sagten. Das Gewäsch alter Weiber, mehr nicht. Dass Khalandir mittlerweile die Führung übernommen hatte, damit hatte er sich abgefunden, es berührte ihn in keinster Weise mehr. Sollte er ihn nur zu weiteren Unbekannten führen die er verbrannt sehen wollte. Er würde es einfach tun und dabei jedes Mal hoffen, dass es der Letzte sein würde. Hätte er noch so etwas wie menschliches Gefühl in sich gespürt, so hätte er wohl lachen mögen. All seine grandiosen Träume, brennenden Hoffnungen, großen Ziele, sie alle reduzierten sich nun für ihn auf zwei simple Worte: Der Letzte.
Die Nacht war hell, Metan stand in vollster Pracht am Himmel, doch er hatte es sich abgewöhnt ihn anzusehen. Immer wenn er es tat hatte sich die schattengesprenkelte Oberfläche des Mondes zu einem verzweifelt weinen-den Kindergesicht gewandelt. Überall war sie, allgegenwärtig; in einer Wasserpfütze auf der Straße, der schimmernden Rückseite eines Schildes, im billigen Handspiegel einer Straßenhure. Khalandir hatte ihn gefragt, ob er Kinder hätte. Diese Frage hatte sich für ihn erledigt.
Der Initiant steckte sein Pendel frustriert wieder ein und hieß sie an, es woanders erneut zu versuchen.
Als sie sich wieder in Marsch setzten drückte sich Neglam an Yerkhans Seite. »Leutnant, auf ein Wort?«, flüsterte er.
»Was willst du?«
»Ich habe schon unter vielen Truppführern Dienst geschoben, mehr als Ihr wohl jemals auf einem Haufen gesehen habt. Einige wünschte ich heut noch zum Veidar, für andere hätte ich mich wohl aufspießen lassen. Ich würde nicht gern behaupten müssen dass meine letzte Streife unter dem Kommando eines tauben Kohlkopfes stand, der in seiner Abgestumpftheit wohl noch Elys Meisterschaft übertrifft.«
»Dafür könnte ich dich ins Loch schicken.«
»Das halte ich für eine gute Idee. Dort könnte ich in Frieden das Ende mei-ner Zeit beim Haufen abwarten und müsste mich nicht länger am Blute Unschuldiger vergehen.«  
»Hol’s der … von was redest du überhaupt?«
»Von dem, was ich sehe. Ein halbes Kind, das man viel zu früh zwang etwas zu tun womit es nicht leben kann. Und das nun an der Last seiner Tat allmählich erstickt.«
»Hast du mir einen Vorschlag zu machen?«
Neglam zog sein Kurzschwert halb aus der Scheide und steckte es rasch wieder zurück. »In der nächsten dunklen Ecke. Schaut einfach rechtzeitig weg. Die beiden anderen werden schweigen.«
»Auch Goshar? Ihm macht das alles hier auch noch Spaß.«
»Da täuscht Ihr Euch aber gewaltig. Ihm sitzt von uns allen das Herz wohl am tiefsten in der Hose. Dieser hasszerfressene blaublütige Fatzke macht uns allen Magenschmerzen. Diese Welt wird ein etwas schönerer Ort ohne ihn …«
Und da sagte Khalandir dass er die Nacht verloren gäbe und alle gehen könnten. Augenblicklich machten Goshar und Elys kehrt und verschwanden um die nächste Ecke. Yerkhan und Neglam standen unschlüssig da und schauten zu wie Khalandir mit wenigen Schritten die Ofengasse erreichte, wo einige Bäckereigehilfen gerade die erste Frischware des Tages zum Abkühlen an die Straße stellten. Dann drehte er sich noch einmal zu den beiden um, deutete eine leichte Verbeugung an und sagte im allerfreundlichsten Ton: »Ich empfehle Slusharsaft. Es heilt keinen kranken Magen, doch es hilft.«

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