Fantasy Anthologien

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Prolog

Werke > Hinter tausend Gesichtern > Kurze Einblicke

Helmut Leibeling
Prolog:
Wie der frisch gefallene Schnee

 
Der alte Traum, in dem ich so lange gefangen lag, fiel einfach von mir ab. Mit ihm verschwand die Erinnerung an seine von mir vergessenen Darsteller und der fade Beigeschmack, den sie mir verursachten.
Windgewaschen lag ich unter Sonne und Regen, schlafend mit halbgeöffneten Augen, mein Bett war die lebendige kühle Erde.

Als sich ein Frühling dem Sommer zuneigte, erwachte ich, erhob mich und schüttelte die welken Blätter des Gestern aus meinem Haar. Ich spürte erneut das Blut in meinen Adern, das gespannte Ruhen der Sehnen, die Lust meiner alten Seele! Dem Wind folgend, Erdkrümel am Leib, zog ich über die Ebenen durch die Wälder und zu Tal, etwas suchend von dem ich nicht wusste was es sein mochte. Andere begegneten mir, einige mit Pelzen, weitere mit Hörnern und auch mit Klauen. Sie flohen mir nicht und sie knurrten und brüllten nicht, denn sie hatten mich erkannt. Doch ihre Gegenwart bedeutete mir nicht viel, und ich setzte meine verstandeslose Suche fort.
Und dann sah ich die Hütten und Weiher, und das warme Gefühl des Heimkommens erfüllte mich. Das Volk jedoch erkannte mich nicht; sie nannten mich den Streuner, den Verführer, und jagten mich von Dorf zu Dorf. Sie stellten keine Fragen, was sie sahen genügte ihnen.

So hauste ich in den Wäldern und schlief in verlassenen Dachsbauen, doch meine Sehnsucht nach den zweibeinigen Tieren ließ mich nicht los.
In den Tagen der weißen Kälte schnitzte ich mir eine Flöte aus dem Holz der Eberesche, und in sternklaren Nächten schickte ich mein Lied zu den hellen Lichtern hinüber. Der Frühling dämmerte herauf, und die Menschen begannen mein Lied zu summen, ohne zu ahnen wie es ihnen zugeflogen war.
Da kehrte ich zu den Menschen zurück, und diesmal war es Freude die man mir entgegenbrachte. Willig spielte ich ihre Sommerspiele, ertanzte mir Kleider und Geschmeide. Gelächter am Tag und ein Bett in der Nacht…
Nie wollte ich mehr als anderen gefallen!
Mit Ohren, die es in den Wäldern gelernt hatten, den Tritt einer Maus auf weichem Moos zu erlauschen, hörte ich die Alten hinter mir tuscheln:
Nackt wie eine Eidechse kam es zu uns, und doch wissen wir nicht zu sagen, ob es ein Bursche oder eine Maid sei.
Es ist so kindisch in seiner Verspieltheit, doch wenn ich in seine Augen blicke, bin ich das Kind.
Es ist gedankenlos und liederlich, und ein Amt können wir ihm nicht geben ohne uns selbst damit zu schaden.
Doch sein Lachen vertreibt alle Müh und schweren Gedanken, die mich plagen.

Wir wollen seiner genießen, so lange wir es haben.
Doch was verlangten sie, jene die in Eisen gingen, die mir Hermelin umhängten, mich mit Gold schmückten und mir seltene Weine einschenkten? Ihre Träume waren Weiden und ich der Wind darin.
Sollte ich mir ihre Lust nicht gönnen, haltlos und schwach wie ich war? Ich lauschte dem Wunsch nach Blut und gehorchte in Demut. Aus meinen Augen lasen sie Reichtum, Sieg aus meinen Gebärden.
Niemals zuvor wurden Lügen freudiger getrunken.
Ich wies keine Richtung und doch folgten sie mir, vereint von der schillernden Eitelkeit meines Willens; Hagelkörner der Vernichtung. So viele wurden besiegt. Die Führer des Gegners, obschon von Kopf bis Fuß in Eisen gekleidet, traf ich sie nackt in ihrem Heldentum, schutzlos meinen Honigtaugedanken preisgegeben. In der Liebe der Katze, welche diese für die Maus empfindet, füllte ich ihre lichten Herzen mit Wünschen, mit der Sehnsucht nach dem Abgrund der Hölle.
Könige brachten mir ihre Kronen und Völker neigten sich vor mir und vor der Idee meiner Herrschaft, die ich aus vielerlei Vergessenheiten stückelte; aus den Abfällen der Gedanken um mich herum die ich mir selbst nicht merkte. Der Ruhm umgab mich mit der Klebrigkeit von unrein geschleudertem
Honig …
Hatte ich nicht etwas gänzlich anderes gewollt? War es noch länger mein Wille, den ich tat? Keine Siege mehr, die dem Auskehren von Unrat glichen.
Der Mistbesen der Welt, dazu war ich geworden!
Das Jubeln der Menge quälte meinen in der Wirklichkeit gefangenen Geist und unter dem Jauchzen meiner Getreuen begann ich von einer klaren Quelle des Untergangs zu träumen.
Ich schwang mich hinauf in die höchsten Gefilde, erblickte das klare strahlende Licht, doch waren meine Hände zu klein, es zu halten. Die Herren des Tages neigten sich herab zu mir und lächelten.
Lieblingsspielzeug, sei zufrieden mit deinem Los.
Und ich fuhr hinab in die finster ruhmreiche Welt und ward mit der blinden Kreatur des Schmutzes vermählt. Die Herren der Nacht neigten sich herab zu mir und lächelten.
Freund, wir haben eigene Sorgen.
Wieder zurück zu den Menschen, erblickte ich mein Bild in den Augen meiner Getreuen tausendfach aufgeteilt. Da beschloss ich es mir zurückzuholen! In der Nacht pflückte ich die Träume aus ihren Herzen, verstieß sie aus der hirnlosen Wärme meiner Herrschaft in die Einsamkeit. Verstört erwachten sie in der Fremde, mancher wusste seinen Namen nicht mehr.
Und nun lernten sie endlich, mich zu hassen! Einer fand sich, der sie führen konnte. Lange Zeit war er mir gefolgt, mich liebend vor Neid. Mit Todesgesicht, die Waffe entblößt, trat er mir entgegen. Mit singenden Sinnen ergab ich mich seiner Wut, die ihn nun erfüllte und ihn zwang, sein Idol enttäuscht zu zerschmettern. Mein erregtes Herz kostete den Schmerz des Todes. Liebevoll und mit letzter Kraft küsste ich ihm meinen Fluch auf die blutverschmierte Hand.
Damit war es getan.
Ich liege besiegt unter Steinen vergraben, doch sterben werde ich nicht, das weiß ich nun. Denn ich bin ewig, fast so ewig wie die Welt. Ich werde erwachen, wenn sich ein Frühling zum Sommer neigt. Jung wie der frisch gefallene Schnee werde ich sein.


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