Fantasy Anthologien

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Mondhochzeit

Werke > Schatten über Andovar > Kurze Einblicke

Anna Ostertag

Nackt lagen die beiden Jungen auf den sonnenwarmen Steinen neben dem Fluss. Es wurde bereits Abend und ein kühler Windstoß blies durch ihre feuchten Haare. Fröstelnd griffen sie nach der einfachen Kleidung, die ne-ben ihnen lag, und zogen sich an. Dann setzten sie sich nebeneinander und betrachteten schweigend den dunkler werdenden Abendhimmel. Das Fir-mament erstreckte sich hoch über ihnen wie schwerer, dunkelblauer Samt, der über der Welt aufgespannt worden war. Davor hob sich hell leuchtend Meta'an ab, eine schimmernde Kristallkugel inmitten unendlich vieler dia-mantener Sterne.
Der ältere der beiden Jungen deutete auf die in Schatten getauchten Baum-wipfel im Osten, hinter denen ein roter Schimmer aufstieg.
»Na'atem geht schon auf. Bald hat er seine Frau eingeholt und dann gibt es ein großes Donnerwetter.«
»Warum? Ist sie ihm weggelaufen?« Der Kleinere kannte die Geschichte bereits. Die Alten im Dorf erzählten sie allzu oft, all die Legenden und Mythen, die sich um die Gegend rankten. Doch Senusa hörte sie immer wieder gerne, und am allerliebsten von Ranuk, seinem geliebten Bruder. Ein zufriedenes Lächeln stahl sich in dessen dunkle Augen.
»Ja, sie ist ihm weggelaufen. Es wurde ihr zu langweilig immer bei ihm zu sein. Weil er so viel größer und stärker ist als sie stand sie immer in seinem Schatten und konnte nie tun, was sie selbst wollte. Da ist sie eines Tages fortgeschlichen, als er geschlafen hat. Als er das merkte, wurde Na'atem rot vor Wut und lief ihr hinterher. Und jetzt hat er sie bald eingeholt und dann, wenn sie sich wieder vereinigen, wird es ein gewaltiges Rambazamba ge-ben.«
Hier hatten die Erwachsenen immer gelacht, wenn die Geschichte erzählt wurde. Aber Ranuk hatte nicht verstanden, was daran so lustig war.
»Dann prallen sie aufeinander und Funken sprühen über den ganzen Him-mel, wo sie sich verteilen, um dann nachts den Himmel zu erleuchten. Denn alle Sterne sind die Kinder der Monde und alle tausend Jahre werden neue geboren. Dann trennen sie sich wieder für weitere tausend Jahre und immer so weiter.«
Schweigend lauschten sie dem Rauschen des Flusses, während der Himmel über ihnen stetig dunkler wurde.
»Moma sagt, es wird ein großes Unglück geben, wenn es so weit ist.« Ra-nuks aufgesetztem Lächeln gelang es nicht, seine Unsicherheit vollständig zu überdecken.
»Das wird es, ja.« Die ernste Bestimmtheit, mit der sein kleiner Bruder dies sagte, erschreckte ihn.
»Ach Sensa, du weißt doch, wie das mit Moma ist. Sie wird langsam alt und fängt an, die alten Kindergeschichten zu glauben, das sagt auch Mutter. Alles nur Aberglaube. Humbug! Weiter nichts. Genauso wie die Krints.«
»Es heißt Krint.«
»Ja, aber mehrere …«
»Trotzdem. Ein Krint, zwei Krint.«
Ranuk wunderte sich ob der Überzeugung des Jüngeren.
»Naja, wie auch immer«, fuhr er entschieden fort, »es gibt sie nicht, und es hat sie auch nie gegeben!«
»Manke hat einen gesehen.«
»Manke säuft und sieht auch Ialthani nackt Walzer tanzen. Wenn er über-haupt etwas sieht. So trüb, wie seine Augen inzwischen sind, ist es ein Wunder wenn er noch irgendetwas erkennt, das tatsächlich existiert.«
»Aber er hat einen gesehen und er hat mit ihm gesprochen. Das hat er er-zählt, und da war er nicht betrunken. Und er hatte ein Stück Fell dabei, hast du das vergessen?«
»Wahrscheinlich ein Reh. Senusa, du glaubst zu viel von den Märchen, die man erzählt. Moma ist verwirrt und Manke hat seinen Verstand im Schnaps ertränkt.«
Aber Senusa wusste, dass sein großer, kluger Bruder diesmal Unrecht hatte. Das Fell, das der bedauernswerte Mann dabei gehabt hatte, war nicht das eines Rehs: viel länger waren die Haare gewesen und viel feiner. Aber vor allem hatten sie diesen eigentümlichen Schimmer, der nur mit dem der majestätischen Tanomanbäume vergleichbar war. Auch davon gab es nur noch wenige; allzu viele hatte man in früheren Jahrhunderten abgeholzt und viel zu langsam wuchsen sie nach.
Senusa glaubte an die Krint, aber der kleine Junge von gerade mal zehn Jahren wusste bereits, wann es besser war, zu schweigen. Und so gingen die Brüder bald still und Hand in Hand von ihrem abendlichen Bad im Fluss in Richtung der Stadt.
Alles war ruhig, bis auf das Rascheln der Blätter des nahen Waldes und dem Rauschen des Flusses. Senusa lauschte auf die Geräusche und neigte hin und wieder leicht den Kopf, als würde er jemandem zuhören.  
Ranuk dagegen ging zielstrebig in Richtung des elterlichen Hauses. Er kannte die  verträumte Art seines Bruders und wunderte sich nicht weiter darüber.
Sie gingen den Weg am Waldrand entlang, der von ihrer Badestelle direkt nach Osten führte und dann einen Bogen nach Süden und zur Stadt hin beschrieb. Das war ein Umweg, doch der direkte Pfad am Fluss entlang war eine Woche zuvor überflutet worden. Das Wasser war brav zurück in sein Bett gegangen, doch auf dem tief liegenden Weg hinter dem halbhohen Deich versank man noch immer knietief im Matsch. Ranuk dachte unwill-kürlich an Lamso, einen Mann aus der Stadt, der es dennoch versucht hatte, als er abends von seiner Arbeit nach Hause wollte. Er war eingesunken und im Schlamm ertrunken. Oder erstickt? Man hatte nur eine Hand in dem Morast erkennen können, die hilfesuchend aus dem Dreck ragte. Das hatte zumindest der Suchtrupp berichtet, der nach ihm ausgeschickt worden war. Sie hatten ihn jedoch nicht bergen können, die Gefahr, selbst im Schlick unterzugehen, war zu groß – man würde warten müssen, bis es ausgetrocknet war und man die Leiche würde freigraben können.
Es geschahen in der Tat seltsame Dinge in letzter Zeit. Der Winter war außergewöhnlich lang und schneereich gewesen. Übermannshoch waren Häuser und Bäume in den weißen Massen versunken, wo sonst nur ein dünner weißer Teppich Dächer  und Straßen bedeckte. In Andovar hatte es inzwischen getaut, doch in höheren Gegenden lag immer noch eine dicke Schicht Schnee und Eis.

Der Fluss Skollgrat  führte dementsprechend viel Wasser. Erst vor zwei Wochen war ein Hirte darin ertrunken; mitsamt seiner Schafherde, die er vermutlich zu retten versucht hatte, als sie von den Wassermassen über-rascht worden waren.
Vielleicht war doch etwas dran an den Geschichten seiner Großmutter, überlegte Ranuk.


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