Fantasy Anthologien

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Die Stadt der Toten

Werke > Hinter tausend Gesichtern > Kurze Einblicke

Thomas Hohn


Nebelschwaden zogen durch die Straßen, verhüllten die Häuser und ließen die steinernen Umrisse nur schemenhaft erkennen.
Eliel wäre so dankbar gewesen, wenn sie jetzt hätte draußen sein können. Draußen. Verloren in den grauen Straßen, wo der kalte Nebel sie verschlingen könnte. Sie wollte weg, weg von diesem Ort. Irgendwohin, nur nicht mehr hier sein.
Die alten Flurdielen knarzten. Schwere Schritte kamen langsam näher.
Unendlich langsam.
Er spielte mit ihrer Angst. Eliels Atem ging schneller. Erneut stöhnten die Dielen auf. Schweißgebadet lag sie in der Kleidertruhe, verkrampft umschlang sie mit ihren Armen die Beine, nur dürftig mit etwas Wäsche bedeckt.
Zeit schien für ihn keine Rolle zu spielen. Diese Langsamkeit machte sie schier wahnsinnig. Eliel wusste, sie konnte nicht entkommen. In ihrer Verzweiflung hatte sie wie ein gefangenes Tier einen Ausgang gesucht.
Aber es gab keinen.
Das schmale Fenster, durch das träge Licht in den kleinen Raum sickerte, schwebte zu hoch über dem Kopfsteinpflaster der Straße.
Vielleicht hätte sie springen sollen.
Dann wäre es vorbei gewesen, einfach vorbei.
Panisch hatte sie sich umgeschaut. In dem winzigen Raum standen nur ein Bett, ein einfacher Tisch, ein Stuhl und diese Kleidertruhe. Hastig hatte  sie einen Teil der Wäsche unter das Bett gestopft, die Truhe soweit geleert, dass sie hineinpassen würde. Als sie den Deckel über sich schloss, war es ihr wie ein sicherer Zufluchtsort erschienen.
Vielleicht fand er sie ja nicht.
Jetzt, wo sie in dieser rissigen Holzkiste lag, wurde ihr bewusst, wie lächerlich es war, sich vor ihm verbergen zu wollen. Muffige Dunkelheit umgab sie in ihrem engen Versteck. Durch die Ritzen der Truhe konnte sie das Zimmer halbwegs überblicken.
Die Schritte verstummten.
Ihre Augen wanderten unruhig hin und her, ihre Ohren saugten jedes noch so feine Geräusch auf. Ein leises metallisches Knirschen. Ihre Augen weiteten sich. Die Türklinke. Langsam senkte sich der Griff. Ihr Atem flog flach und hastig, das Blut pochte in ihren Adern, Schweißperlen bahnten sich einen Weg von ihrer Stirn über ihre blassen Schläfen. Die Klinke senkte sich. Mit tödlicher Sanftheit öffnete sich die Tür. Nur einen Spaltbreit.
Worauf wartete er?
Ein seltsamer Geruch breitete sich aus, durchströmte das Zimmer.
Was würde mit mir geschehen?
Geräuschlos schwang die Tür vollends auf.
Ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Übelkeit ließ sie würgen.
Eine Gestalt glitt in den Raum. Sie konnte sein Gesicht nicht sehen. Nur seine schwarze Gewandung. Jede seiner Bewegungen war formvollendet. Anmutig. Behutsam schloss er die Tür wieder. Mit einem Klacken rastete das Schloss ein.
Gefangen! ...


 
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