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Ausgrabungen

Werke > Schatten über Andovar > Kurze Einblicke

Leif Inselmann

»Wie lange müssen wir hier noch leiden?«
Doliath wischte sich den Schweiß aus dem Gesicht. Dann stieß er seinen Spaten erneut in die lehmige Erde. »Bis wir etwas finden.«
Es war ein heißer Tag. Die Sonne schien unerbittlich auf das Naturschutzgebiet Skollgratdelta, während die beiden Männer am Ufer des Flusses standen und gruben.
»Und werden wir etwas finden?«, fragte Meyrig.
Kurz sah Doliath von seiner Arbeit auf. »Natürlich werden wir das. Genau hier hat die Stadt Andovar gelegen, bevor der Skollgrat sie überflutete. Da bin ich mir sicher. Und genau das wird uns wahnsinnig reich und bekannt machen.«
Meyrig stöhnte und sah auf seine Armbanduhr. Dreizehn Uhr. Die beiden Hobbyarchäologen waren nun schon seit fast einer Stunde hier. Sie hatten noch nichts gefunden.
Er grub weiter. »Wärest du nicht mein Freund, würde ich dich für verrückt erklären. Davon abgesehen dürften wir nicht einmal hier sein. Alles südlich des Damms ist gesperrtes Naturschutzgebiet.«
Unwillkürlich wanderte Doliaths Blick zu dem großen Staudamm flussaufwärts. Fast zehn Jahre war es nun her, dass man ihn errichtet hatte. Erst seitdem so das darunterliegende Gebiet weitgehend trocken gelegt worden war, konnte man an Ausgrabungen denken. Zuvor war hier nur ein See gewesen. Jetzt nutzte man den großen, grauen Damm dazu, aus dem magisch aufgeladenen Wasser des Flusses Energie zu gewinnen. Das deckte über die Hälfte des Stromverbrauchs von Irkarum. Seit einigen Jahren hatte die Wissenschaft vermehrt begonnen, Technologie und Magie zu verbinden, was in der Folge zu etlichen erfolgversprechenden Erfindungen wie dieser geführt hatte.
»Und wer soll uns hier entdecken?«, fragte Doliath. »Die Krint etwa? Es hat einen Grund, dass die Viecher in solchen Reservaten außerhalb der Zivilisation leben. Nämlich den, dass sie eben nichts mit Menschen zu tun haben wollen.«
Meyrig sah sich um. Zurzeit waren keine der primitiven, friedlichen Wesen zu sehen, die in diesem Gebiet lebten. Nur auf der anderen Seite des Flusses waren einige Haufen aus Stöcken und Steinen aufgetürmt worden, die auf die Anwesenheit der Krint hindeuteten.  
»Selbst wenn das tatsächlich der Ort ist, an dem das legendäre Andovar gelegen hat«, begann Meyrig. »Wieso hat dann sonst noch niemand hier Ausgrabungen durchgeführt?«
Doliath zuckte mit den Schultern. »Vielleicht will man nicht, dass die unangenehmen Seiten der Geschichte von Andovar wieder ans Tageslicht kommen.«
Sofort lachte Meyrig leicht auf. »Was meinst du denn damit? Was sollen die denn verbergen wollen? Fürchtest du, dass hier irgendwelche Wiedergänger lauern, von denen die Legenden erzählen?«
»Mach dich doch nicht lächerlich. Es gibt keine Wiedergänger.«
»Das hat der Heilige Ansinus auch gedacht, bevor er mit ihnen zu tun bekommen hat«, scherzte Meyrig.
»Ich dachte eher an andere Sachen. Die historische Unterdrückung der Krint zum Beispiel. Das war einer der größten Völkermorde der Geschichte. Es mag vielleicht fast tausend Jahre her sein, aber es gibt noch immer etliche Wissenschaftler, die das leugnen. Es gäbe keine Beweise, dass in diesem Land jemals eine organisierte Ausbeutung der Krint stattgefunden hat, heißt es. Man will ja unsere glorreiche Geschichte nicht beflecken.«
»Du witterst überall Verschwörungen, Doliath.«
»Ich wittere Profit. Und Ansehen. Wenn wir die Ruinen Andovars finden…«  
»Dann wird Herr Marnand uns reich bezahlen. Ja, das hast du schon sehr oft gesagt. Ich weiß, auch der ist überzeugt von dieser Idee. Aber glaubst du dem Typen wirklich, dass er einer adligen Familie aus Andovar entstammt, die nach einem Skandal aus der Stadt fliehen musste?«
»Natürlich. Du hast sein Wohnzimmer gesehen, als er uns angeheuert hat. Nicht nur der große Wandteppich mit dem Stammbaum, an dem sich seine Familie siebenhundert Jahre zurückverfolgen lässt. Das ist übrigens genau die Zeit, als Andovar in seiner Blüte stand. Und du hast doch auch die ganzen alten Artefakte bemerkt, die er dort ausgestellt hatte. Als Archäologe kannst du mir nicht erzählen, dass die einer bekannten Kultur zugeordnet werden könnten. Andovar hat existiert, Meyrig. Daran besteht kaum ein Zweifel. Dass man die Reste noch nicht gefunden hat, bedeutet nur, dass man noch nicht am richtigen Ort gesucht hat. Und der ist genau hier. An diesem Ort passt alles. Die Lage am Skollgratdelta, die Krintpopulation, die relative Nähe zu Irkarum … Nirgendwo sonst könnte Andovar existiert haben.«
Meyrig stieß seinen Spaten in die Erde und grub weiter. Es war sinnlos, mit seinem Freund zu diskutieren. Doch da Doliath genau das war, ein Freund, konnte er jetzt auch nicht einfach abhauen und ihn allein weiterbuddeln lassen. Er würde schon früh genug merken, dass sein Ziel nur ein Hirngespinst war. Doliath hatte sein Studium in Archäologie zwar erfolgreich abgeschlossen, doch danach nie jemanden gefunden, der ihm seine Forschungen finanzierte. So kam es, dass er nun mit seinen wenigen Freunden allein auf die Suche nach möglicherweise bedeutsamen Ausgrabungsstätten ging. Meyrig schätzte, dass auch sein Ehrgeiz daher kam, dass er große Entdeckungen machen wollte, um sich selbst aus seiner Bedeutungslosigkeit zu befreien.  
Genervt schleuderte Meyrig mit seinem Spaten die nächste Ladung Erde über die Schulter.  
Plötzlich schrie Doliath erstaunt auf. »Da! Siehst du das?«
Sofort drehte sich Meyrig um. Doliath stand wie gebannt über dem Haufen Erde und deutete mit dem Finger darauf. Jetzt sah auch Meyrig das kleine, längliche Objekt, das daraus hervorragte. Mit vor Entzückung geweiteten Augen ging Doliath in die Knie und zog das Ding heraus. Es war zylindrisch und etwa so lang wie eine Hand.  
Hektisch strich er die schlammige Erde ab, um den Fund zu begutachten. Wie sich schnell herausstellte, rührte die rötliche Farbe nicht vom Schlamm her, in dem das Objekt jahrhundertelang gelegen hatte.  
»Sieh dir das an!«, sagte Doliath begeistert. »Es ist eine kleine Figur.«
Jetzt kam Meyrig näher heran, um den Fund aus der Nähe zu begutachten. Es war tatsächlich eine menschenähnliche kleine Statuette. Es sah aus, als sei die Person in ein langes Gewand gekleidet.
Vorsichtig fuhr Doliath mit dem Finger über die Figur. »Sie ist aus Metall, vermutlich Eisen oder Stahl. Die rötliche Farbe kommt wohl von der Oxidschicht. Die Figur ist sehr gut erhalten.«
»Das Gesicht ist aber ziemlich abgewaschen«, meinte Meyrig. »Davon ist gar nichts mehr zu erkennen.«
Jetzt schaute sich Doliath das Gesicht näher an. Hier war einfach nur glattes Metall, ohne Hebungen und Tiefen. »Das Gesicht ist nicht abgewaschen. Die Figur hatte nie ein Gesicht. Das ist der Gott Ipamis.«
»Das schließt du aus der kleinen Figur?«
»Im Historischen Museum von Irkarum haben sie auch solche Figuren. Sie stammen aus genau der Epoche, in der man Andovar vermutet. Und die in Irkarum werden als Ipamis-Figuren betitelt.«
Meyrig nickte. »Das kann schon sein.«
»Und du weißt, was das bedeutet. Hier wird sich sicher noch mehr finden lassen.«
Beide begannen wieder zu graben. Jetzt war auch Meyrig mit Ehrgeiz bei der Sache. Ein ums andere Mal stießen sie ihre Schaufeln in die Erde und entfernten das lehmige Erdreich. Während sich Doliath an der Stelle, wo sie die Figur gefunden hatten, in die Tiefe arbeitete, grub Meyrig eine größere Fläche um in der Hoffnung, so vielleicht eher etwas zu finden.
Dann schließlich stieß sein Spaten auf etwas Hartes. Doliath war zur Stelle, noch ehe Meyrig es ihm gesagt hatte. Er musste es allein an seinem erstaunten Gesichtsausdruck erraten haben. Nun gruben beide wie besessen, befreiten das harte, vermutlich steinerne Objekt aus der Erde. Es war so groß, dass sie seine Proportionen nicht sofort ermessen konnten. Bald holten sie die kleineren Schaufeln heraus, um die Erde zu entfernen. Ja, es war Stein. Und der Stein war relativ glatt. Nur einige Rillen fühlte man, wenn man darüberstrich. Aber er hatte sonst eine einheitliche Oberfläche. Schnell wussten beide, dass sie ein von Menschen bearbeitetes Objekt vor sich hatten.
Als sie die Steinplatte langsam mit Schaufel und Pinsel vom Schmutz befreiten, entdeckten sie die Ornamente. Die Rillen, die Meyrig bemerkt hatte, fügten sich zu einem großen Bild zusammen. Auf einer Fläche von bestimmt über einem Meter war kunstvoll eine Meerjungfrau dargestellt, die auf einem Felsen saß. Gespannt legten sie die Fläche weiter frei. Über dem Bild der Meerjungfrau war ein Mann mit einem Schwert zu sehen, der einen Feuerball von sich schleuderte.
Die Archäologen standen auf und begutachteten ihren Fund von oben. Es war einfach unglaublich. Die steinerne Fläche mit den Ornamenten mochte wahrscheinlich einmal eine Mauer oder Wand eines Gebäudes gewesen sein. Es gab keinen Zweifel, dass hier einmal eine Stadt gestanden hatte. So etwas fand man nicht dort, wo nur kleine Siedlungen gewesen waren.
Schließlich sprach Doliath das Wort aus, das die beiden schon die ganze Zeit gedacht hatten:
»Andovar.«

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